In der Wildnis verloren, in der Wildnis wiedergefunden

**…Ich weiss auch nicht was nach der Trennung von den Wanderern mit mir passiert ist. Ich wusste nicht mehr wer ich war, wo ich hin gehörte, warum ich die ganze Zeit durch den Wald rannte… warum ich eine Tasche, Essen und Kleidung mit mir trug, ich wusste nichts mehr, ich hatte mich da draußen verloren. Meine Sachen ließ ich irgendwann einfach zurück, die Kleidung behielt ich zwar an, aber bestand sie nur noch aus grauen Fetzen. Mein Körper war übersäht mit Kratzern, Schrammen und größeren Wunden, doch ich spürte nichts von dem Schmerz. Ich rannte nur weg, wie ein Welpe, der von einem Raubtier verfolgt wurde. Ich weiss nicht mehr, wie sie auf mich aufmerksam wurden, vielleicht durch mein Schreien, durch mein Jaulen, mein Winseln. Doch befand ich mich auf einmal zwischen ihnen, eingekreist auf einer Lichtung. Sie starrten mich mit den gelb blitzten Augen an, umrundeten mich und schnupperten. Ich sank auf die Knie, mein ganzer Körper zitterte, ich schrie, vielleicht vor Angst, vielleicht vor Schmerz. Einer von ihnen stürzte sich auf mich und warf mich um, sie hatten längst erkannt, dass ich eine Schwester war, dass ich ihre Schwester war, doch dass ich … nicht ich war. Vor meinen Augen wurde alles schwarz und als ich dann wieder erwachte, lag ich zwischen ihnen. Sie hatte sich um mich gelegt, mich mit ihrem Körper gewärmt, beruhigt, doch als ich auf wachte, war ich wieder die zitternde Schwester mit den vor Angst aufgerissenen Augen. Sie leckte mir mein Gesicht, die anderen brachten mir etwas zu essen und als sie etwas von dem Fleisch abriss und verschlang, begann auch ich zu essen. Allmählich gewannen sie mein Vertrauen, sie erinnerten mich daran, wie man überlebte, jagte, mit dem Stamm heulte. Irgendwann brachten sie mir meine Sachen, sie hatten sie die ganze Zeit vor mir versteckt, damit ich nicht noch verwirrter und verängstigter wurde. Allmählich kamen die Erinnerungen zurück, doch es brauchte viel Zeit und ihre Unterstützung. Ich war ihre Tochter und wenn auch ganz unten in der Rangfolge, fühlte ich mich bei ihnen willkommen und heimisch. Durch diese Zufriedenheit, die Ruhe, die sie in meinem Inneren geschaffen hatten, fand ich auch endlich mich. In der Wildnis hatte ich mich verloren, in der Wildnis habe ich mich wieder gefunden…**

 

Weiche, warme Hände ergreifen Sundreams, schwarzgrüne Augen halten ihren Blick fest und ein Lächeln umspielt die Lippen der Sendenden.

** Quaril, meine Schwester. Ich bin Quaril. **

Rabenfeder (c)03.2003

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