Rabenfeder und Fry

Es war der Tag, an dem die Sternjäger den seltsamen Bewahrerwald erreicht und dort ihr Lager aufgeschlagen hatten, als Rabenfeder mit Fry in der Nähe des Lagers ein wenig trainieren gegangen war.

Langsam krempelte sich Rabe die Ärmel des roten Oberteils zurück, nahm ihr Schwert zur Hand, das neben ihr an dem Felsen gelehnt hatte und warf Fry einen fragenden Blick zu.

"Bereit?" Sie stellte sich in Kampfstellung und hob das Breitschwert.

Fry hob eine Augenbraue, zog sein Schwert vom Rücken und stellte sich ebenfalls in Kampfposition.

**Ob ich bereit bin? Besser ist die Frage, ob du bereit bist! ** sandte er Rabe und sprang in diesem Moment auch schon auf sie zu.

Er hob Knochenschläger über den Kopf und führte einen mächtigen Angriffshieb aus, den Rabe taumelnd abwehrte.

Schnell zog Fry sich wieder zurück und schlich lauernd um die Elfe herum, wartete darauf, daß sie etwas tat, immerhin bestand Training nicht nur aus Angriff, sondern auch aus Verteidigung.

Die dunklen Augen blitzten auf, wirkten nicht wie gewöhnlich beherrscht. Ein Lächeln hatte sich auf Rabes Züge geschlichen, während Fry seinen ersten Schlag gemacht hatte.  Sie schwankte nur leicht bei dem wuchtigen Hieb, stand aber fest auf ihren Füßen. Ihre Augen und ihr Körper folgten jeder Bewegung die Fry machte, doch sie griff nicht an. Sie wartete einige Augenblicke, bis sie mit ihrem Schwert auf Frys Schulter zielte. Allerdings war dieser Schlag zur Ablenkung gedacht, denn ihr Knie zielte währenddessen eher in seinen Bauchbereich.

Fry bemerkte Rabes kleine List, denn als sie ihr Knie hob, sprang er ein wenig nach hinten, doch leider nicht weit genug, denn plötzlich spürte er einen unangenehmen Schmerz, direkt zwischen seinen Beinen.

"Wooooooaaahh!!" Er ließ Knochenschläger sinken und legte eine Hand in seinen Schritt.

**Das war verdammt hinterlistig, Rabe! Das kriegst du zurück.** drohte er ihr mit einem etwas verzerrt aussehenden, eigentlich fies gemeinten Grinsen.

**Ach ja? Ich warte ... ** Ein gespielt gefährliches Knurren löste sich aus Rabes Kehle, doch sie grinste Fry danach an. Sie stürmte auf ihn zu und ließ das Schwert zu Frys Seite sirren, doch zog sie es plötzlich ein Stück nach unten, so dass es gegen Frys Bein prallen sollte.

Dieser parierte diesen Schlag jedoch blitzschnell und schwang Rabes Schwert so zur Seite, daß sie einen kleinen Teil ihrer Deckung verlor und er ebenfalls auf ihre Seite zielen konnte. Kurz bevor Knochenschläger sich in ihr Fleisch rammen konnte, drehte Fry seine Klinge so, dass sie Rabe nur mit der flachen Seite berührte.

**Eins zu Eins würd’ ich sagen.** Fry grinste Rabe herausfordernd an, entfernte sich wieder einige Schritte von ihr und ging erneut in Kampfstellung.

Das Grün in den Augen der Elfe blitzte auf, als Frys Schwert leicht ihr Bein streifte. Innerlich fluchte Rabe, schon beim Aufstehen hatte sie gewusst, dass es nicht unbedingt ihr bester Tag war, selbst so eine Sache konnte sie sich nicht leisten. Sie pustete sich eine dünne Strähne aus dem Gesicht, schwang ihr Schwert auf Fry zu, wobei sie sich aber leicht zur Seite drehte, sodass sie einen Seitenfußtritt machen konnte.

Den Fußtritt seiner Gegnerin, hatte Fry nicht vorhersehen können, so das er ihn mit voller Wucht zu spüren bekam.

**Bei den Hohen, ich wusste ja, das du eine schwere Gegnerin bist, aber gleich so?!** der junge Elf war wirklich verblüfft, wie flink und anmutig Rabe ihre Angriffe ausführte und dann noch dazu eine solche Wucht in die Schläge zu legen, daß selbst er, der sich bisher für recht widerstandsfähig gehalten hatte, schwankte, war schon eine starke Leistung.

Doch all dies würde Fry nicht auf sich sitzen lassen und so sprang er wieder auf Rabe zu, machte dabei eine halbe Drehung, damit sie dachte, er würde mit einem Seitenhieb kontern, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne und schlug von vorn zu.

Beinahe zu spät durchschaute Rabe Frys Absicht und konnte sich gerade so sein Schwert mit dem ihren vom Hals halten. Sie knurrte leise, versuchte sich etwas zu entspannen, während sie ihr Schwert gegen das von Fry stemmte.

Einen Moment ließ sie beim Gegendrücken nach, um sich wenig später mit ganzer Kraft gegen Fry zu stemmen, so dass er ein Stück zurück stolpern musste. Sie bekam Abstand zu ihm, indem sie ein Stück zurück ging und so einen neuen Angriff startete.

Fry sah ein, daß er von seiner neuen Anführerin noch einiges lernen konnte und ließ sich auf ihre Manöver interessiert ein, indem er sie genau beobachtete. Ihren neuen Angriff konnte er noch im letzten Moment abfangen, drückte nun so gegen ihre Klinge, dass sie sich Auge in Auge gegenüberstanden und mit einem neckischen Augenzwinkern zog er ihr mit einem Fuß die Beine weg. Gleichzeitig stieß er Rabe von sich, sodass sie nach hinten stolperte, doch nach wenigen Sekunden hatte sich seine Gegnerin schon wieder gefangen und kam erneut auf ihn zu.

Bevor Rabe einen nächsten Angriff machte, holte sie tief Luft und fuhr sich mit einer Hand durch die schwarze Mähne. Er war gut und es bereitete ihr Spaß mit ihm zu trainieren. Wie bei dem Kampf gegen Nimoe hatte sie gemerkt, dass sie etwas eingerostet war in der kurzen Zeit, in der sie allein herum geirrt war. Sie begann wieder zu lächeln und während sie seinen Blick aufgefangen hatte, rannte sie auf ihn zu, schwang ihr Schwert zu seiner einen Schulter und wollte ihren Ellenbogen in den anderen Teil seines Oberkörpers rammen.

Den Schlag mit dem Ellbogen, konnte Fry mit seiner einen Hand abblocken, doch war er noch nicht sehr geübt darin, Knochenschläger nur einhändig zu führen, sodass sein Schwertarm nach hinten glitt und damit ein großes Loch in seiner Deckung war. Rabe nutzte ihre Chance und griff mit einem Schlag von links oben an. Fry warf sich auf den Boden und parierte ihren Schlag, indem er sein Schwert gegen das ihre presste. Er löste die rechte Hand vom Griff seines Schwertes und drückte mit dieser gegen die Flachseite der Klinge.

Während Fry sich gegen sein Schwert stützte, stand er langsam wieder auf. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, schon lange hatte er nicht mehr so intensiv trainiert.

Ein Funkeln schlich sich in seine Augen und ein leises Knurren trat aus seiner Kehle. Mit einem letzten großen Kraftaufwand stieß er Rabe von sich und griff frontal an.

Die Sonne brach sich auf Knochenschlägers schwarzem Stahl und bevor Fry wusste was er tat, war es auch schon geschehen. Er spürte, wie sein Schwert sich in etwas hineinbohrte und mit Entsetzen sah er Rabe nun an.

Als die Sonne durch die Kronen der Bäume genau auf das Metall Knochenschlägers fiel, konnte Rabe für einige Augenblicke nichts sehen, doch Fry ebenso nicht. Sie fühlte wie etwas tief in ihre Schulter stach und diese beinahe durchbohrte. Einen Schrei unterdrückte sie nur, indem sie sich auf die Lippen biss, doch ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt. Sie hatte ihr Schwert los gelassen und zog Knochenschläger langsam und vorsichtig aus ihrem Fleisch heraus. Ein schmerzhaftes Aufstöhnen konnte sie sich dann doch nicht mehr verkneifen. Die Schwerter lagen neben ihr, als sie sich aufsetzte und tief Luft holte, die Hände auf die Schulterwunde gepresst.

Fry hatte sein Schwert sofort fallengelassen und kniete sich neben Rabe.

Völlig perplex sah er auf die Wunde in Rabes Schulter und auf Knochenschläger. Dann schaute er der Anführerin direkt ins Gesicht und sah ihren Schmerz.

**Bei den Hohen, wie konnte ich nur?** klang sein leises und entsetztes Senden in Rabes Kopf.

*Himmelsstern!!* rief er in Gedanken nach der Heilerin.

**Komm bitte so schnell es geht! Rabenfeder ist verletzt!** Fry wandte sich wieder Rabe zu, stützte sie mit einer Hand und legte ihr instinktiv die andere Hand auf die Wange.

**Es tut mir so leid, Rabe:**

Kurz hatte Rabe die Augen geschlossen, schüttelte dann den Kopf und lächelte Fry sogar zu. **Vergiss es Fry, wir wurden beide geblendet ... Wenn überhaupt tragen wir beide gleich viel Schuld ...**

Sie hörte einen Wolf angerannt kommen, von dem Himmelsstern absprang. Sie kniete sich sofort zu Rabe und Fry und zog Rabes Hand von der Schulter. Sie legte ihre Hände sanft darauf und ließ ihre Magie fließen.

"Lass mir die Narbe, Heilerin ..." Rabe lächelte, als Himmelsstern ihr einen vielsagenden Blick zuwarf und erklärte ihr sendend. **Es war nur ein kleiner Trainingsunfall ... ** Die Heilerin hatte das Gefühl unerwünscht zu sein, zuckte mit den Schultern und schwang sich wieder auf Schneeflocke, mit der sie zurück zum Lager ritt, vorher blickte sie sich allerdings noch einmal um und sandte den beiden.

**Seid aber in Zukunft bitte ein bisschen vorsichtiger, wir wollen doch nicht schon so früh unsere neue Anführerin verlieren. **

Fry sah Rabe an, konnte ihr nicht wirklich glauben, was sie eben gesagt hatte, er hatte sie verletzt, er hätte besser aufpassen müssen!

**Ich hätte nicht so wild werden sollen. Es tut mir wirklich leid.** Fry griff sich an die Stirn, schaute nach wenigen Sekunden wieder auf und blickte auf sein Schwert.

Kurzentschlossen hob er Knochenschläger wieder auf, versuchte seine Haare in eine Hand zu nehmen und ließ die Klinge seines Schwertes hindurchfahren.

Rabe saß vor ihm und starrte Fry an, der nun ein dickes Bündel schwarzer Haare in der Hand hielt. Seine Zöpfe öffneten sich an den abgeschnittenen Enden ein wenig. Mit ernstem Gesicht hielt Fry Rabe seine abgeschnittenen Haare entgegen.

"Fry ... nicht!" Rabe hatte sich auf Fry gestürzt, als sie begriffen hatte, was er tun wollte, doch da hatte er die Haare schon abgeschnitten. Sie hatte ihn umgeworfen und saß nun über ihm, starrte die Haare in seiner Hand fassungslos an. Sie streckte eine Hand nach den kurzen Fransen aus, die Fry nun ins Gesicht fielen und wandte sich mit einem wütenden Blick ihm zu. Sie war seinem Gesicht ganz nahe und knurrte ihn an, wobei das Grün in ihren Augen aufgebracht glitzerte. **Verdammt ... Die schönen Haare ... Das musste doch wirklich nicht ... ** Ihr Gesicht wurde auf einmal ernster, sie kam seinem Gesicht noch näher ...

**Doch, es musste sein.** sandte Fry.

**Diesen Preis musste ich zahlen.** grinsend schaute er Rabe an, strich ihr sanft über die Wange und zog ihr Gesicht zu seinem hinunter, bis ihre Lippen sich berührten.

Rabe schlang die Arme um Frys Hals, erwiderte den Kuss zuerst langsam, doch dann leidenschaftlicher, dabei ließ sie ihre Augen die ganze Zeit offen und hielt mit ihnem Frys Blick gefangen. Als sie den Kuss beendete, strich sie ihm durch die kurzen Haare und schaute ihn einige Zeit an, bevor sie sich räuspernd aufsetzte. Plötzlich grinste sie ... **Nein das musste nicht sein ...**

Ein wenig benebelt, von Rabes Kuss setzte sich Fry ebenfalls auf, legte seine Hände auf ihre Hüfte und gab ihr noch einen Kuss, diesmal etwas sicherer.

**Doch musste es, außerdem war mal wieder Zeit für etwas anderes.** er zwinkerte Rabe wieder zu und schaute dann kurz in den blauen Himmel über ihnen.

**Außerdem bist du es mir mindestens drei mal wert, dass ich meine Haare für dich abschneide. **

Genießend hatte Rabe den Kuss erwidert, wobei ihre Hände durch Frys Haare gekrault waren. Als sein erstes Senden sie erreichte, knuffte sie ihn in die Seite mit schelmisch schimmernden Augen, doch wurden ihre Züge wieder ernsthafter, als sie seine letzten Worte hörte. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände, drehte es zu sich, so dass er ihren Augen nicht mehr ausweichen konnte. 

Schließlich ließ sie sein Gesicht wieder frei und stützte sich auf ihre Arme zurück. "Sag mal … bin ich dir nicht etwas zu alt?" Ein leichtes Grinsen zierte ihr Gesicht, doch die Frage meinte sie durchaus ernst.

Ein wenig verwirrt blickte Fry Rabe an. Mit einer solchen Frage hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

**Nein, bist du nicht.** Die Worte kamen sicher aus seinem Mund, doch als er merkte, dass Rabe diese kurze Antwort wohl nicht reichte, fügte er noch etwas hinzu.

**Ich weiß, dass du ein Stück älter bist und manche werden bestimmt dieselbe Frage stellen wie du mir, doch was soll ich tun, wenn ich nun einmal diese Gefühle für dich habe? Ich kann dich nicht verjüngen und ich kann mich nicht älter werden lassen. Die Natur hat es so gewollt und weder wir noch jemand anders kann etwas dagegen tun, also warum sollte man sich darüber Gedanken machen? **

Fry schaute in Rabes Augen, in denen er sich immer wieder verlieren könnte und sah in ihnen sein Spiegelbild.

„Ohje.“ Er griff sich in die Haare und zupfte an der einen und der anderen Strähne, die jedoch alle gerade die Länge hatten, die zu wollen schienen.

**Ich glaube, ich sollte es in Zukunft doch besser lassen, mir selbst die Haare zu schneiden. Das sieht ja grauenhaft aus.** lachte er.

Als Rabe Fry so zu hörte, wurde ihr Grinsen immer breiter. Sie ließ sich so nach vorne kippen, dass sie ihn mit auf den Boden brachte und auf ihm landete. Lächelnd streifte sie mit den Fingern durch seine verschieden langen Strähnen und erwiderte "Ich wusste gar nicht, dass du so … vernünftig … bist." Ein freches Aufglitzern in ihren Augen verriet allerdings ihre ernsten Worte, als sie ihr Kinn in ihre Handflächen bettete, die durch die Ellebogen, die auf Frys Oberkörper aufgestützt waren, gehalten wurden, und ihn so weiter betrachtete.

"Dein Haareschneiden kannst du mir ja in nächster Zeit überlassen …"

Nur bei dem Gedanken musste Rabe schon anfangen zu lachen, ihre Haare sahen selbst manchmal etwas seltsam aus, wie sie so nach dem Selbstschneiden ungebändigt  und wild von ihrem Kopf zu Berge standen.

"Überlass das demnächst lieber deiner Mutter … Du solltest sie später auch mal aufsuchen …" Sie kicherte und wuschelte ihm durch die abstehenden Strähnen. Auf einmal schlang sie dann ihre Arme um Frys Hals, schmiegte sich eng an ihn und ihr Mund fand schnell wieder zu seinem. Angekuschelt an ihn spürte sie eine Geborgenheit in sich aufkommen, die sie einige Zeit dort draußen verzweifelt gesucht hatte. Sie schloss die Augen fest und wollte einfach nur noch dieses Gefühl festhalten für alle kommende Zeit …

Windwhisper & Fry (c) 10.2003

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