Rückkehr (2)

Geraume Zeit später erreichte jemand anders den Fluss und stieß dort auf die kleine Zufluchtsstätte der schlafenden Elfe. Doch diesmal war es kein Jäger. Zumindest keiner, der ihr ans Leben wollte ... Ein paar gutmütige, blaue Augen musterten die zusammengekauerte Gestalt 'So ein Leichtsinn! Ohne Schutz in der Dunkelheit.' Sitar schüttelte den Kopf. Er betrachtet die Fremde und irgendwie schlich sich so etwas wie Vertrautheit ein. Als ob er sie schon einmal gesehen hätte und sich nur nicht mehr daran erinnern konnte. Er zuckte kurz mit den Schultern und wischte mit einer unbewussten Handbewegung den Gedanken beiseite. 'Unsinn!'

Kurz überlegte er, besah sich das kleine Feuer und die frierende Elfe. Er beugte sich zu ihr hinunter und wollte sie wecken. Dabei fiel sein Blick auf ihren Bauch, der sich unter der schmutzigen Kleidung, die eng am feuchten, mageren Körper klebte, deutlich abzeichnete. Sitar stutzte und runzelte die Stirn. Diese Elfe trug einen Welpen in sich. Ärgerlich verzog er das Gesicht. ‚Was für ein törichtes Ding ... sich und ihren ungeborenen Welpen so in Gefahr zu bringen. Nun ja ... vielleicht sollte ich mir erst ihre Geschichte anhören, bevor ich zu hart urteile. Sie sieht erschöpft aus. Am besten lasse ich sie schlafen.' Vorsichtig zog er das zusammengerollte Schlaffell aus seinem Beutel, welches er immer sicherheitshalber auf seinen Streifzügen bei sich hatte, und breitete es über der Schlafenden aus.

Dann machte sich Sitar auf zu einer kleinen Jagd, und besorgte Feuerholz zum nachlegen. Er entfernte sich nicht weit, sondern blieb in Rufweite des Lagers. Mit einem erlegten Langohr und dem Feuerholz kam er schließlich zurück und schürte das Feuer. Nachdenklich betrachtete er sie, während er das tote Tier häutete und ausnahm, und schüttelte leicht den Kopf. Die Fremde sah abgemagert aus, das konnte sowohl ihr als auch dem Welpen schaden ... und sie musste furchtbar erschöpft sein, denn sonst hätte sie ihn schon längst bemerken müssen. Er beendete seine Arbeit, dann wartete er darauf, dass sie erwachen würde.

Nach endlos langer Zeit, bewegte sich die junge Elfe schließlich. Langsam schien sie sich ihrer Umgebung bewusst zu werden, und der Tatsache, dass sich etwas verändert hatte.

Noch ehe sie die Augen aufschlug wusste sie, dass sie nicht alleine war. Sie hatte einen dieser seltsamen Träume gehabt, als sie der fremde Geruch in die Wirklichkeit zurückgeholt hatte. Langsam und vorsichtig tastete sie nach ihrem Dolch. Ihre Muskeln spannten sich, als sie mit einer raubtierartigen Bewegung hochfuhr und sich zu dem Fremden herumwarf. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, den Dolch kampfbereit in ihrer Hand, registrierte sie überrascht das lodernde Feuer und den Geruch von frischem Fleisch. Es war ein Elf, der ihr gegenübersaß und sie anlächelte. Ihr Blick streifte den Bogen, den er in der Hand hielt, die roten Zierbänder. ‚Mein Bogen ... wie kann das sein ...’ verwirrt starrte die junge Elfe den Fremden an.

Sitar starrte in ausdrucksvolle graublaue Augen, die in diesem Augenblick weit aufgerissen waren. Er lächelte die Elfe an und hielt den gefundenen Bogen hoch. „Hallo Fremde! Endlich aufgewacht? Mein Name ist Sitar. Ich denke, den hast du verloren ... darf ich deinen Namen erfahren?“

Misstrauisch und irritiert ließ sie den Dolch sinken, behielt ihn aber zur Sicherheit in der Hand und machte ein paar Schritte rückwärts. Die Augen des Fremden wirkten freundlich und vertrauenserweckend und für einen kurzen Augenblick hatte sie das Gefühl, ihn zu kennen. ‚Närrin, sei vorsichtig ...’ sagte sie sich selbst. Sie nickte. „Ja, dieser Bogen gehört mir.“ Ein wenig unschlüssig sah sie ihn an, musterte ihn nun schon ein wenig ruhiger, aber noch immer auf der Hut. Trotzdem behagte es ihr nicht, ihren Namen Preis zu geben. Unwillkürlich benutzte sie den Namen, den die R’theya ihrer Traumdeuterin gaben. Keishan. Es war seltsam, daran zu denken, dass jemand anders diesen Namen nun tragen würde ... dass nun jemand anderes ihren Platz einnehmen würde, wahrscheinlich schon eingenommen hatte. Aber was tat es, es war ohnehin gleich, welchen Namen sie dem schwarzhaarigen Elf nannte. Für ihn war es ohne Bedeutung, und wer konnte sagen, wie schnell sich ihre Wege wieder trennen würden. „Du kannst mich Keishan nennen. Hast du das Feuer gemacht ... Sitar? Und woher hast du meinen Bogen? ...“ unverhohlenes Misstrauen und auch Unbehagen lagen in ihren Worten.

Sitar blieb weiterhin, scheinbar entspannt, sitzen. Er hatte ein wachsames Auge auf die junge Elfe, denn er wollte nicht ihren Dolch zwischen den Rippen haben. Sie kam ihm immer noch irgendwie bekannt vor, er konnte sich einfach nur nicht erinnern, woher. Sitar richtete sich ganz langsam auf, um sie nicht zu einer Überreaktion herauszufordern und legte den Bogen zwischen sich und ihr nieder. „Sei mir gegrüßt Keishan. Ich habe ihn gefunden ... in dem Lager, das du so fluchtartig verlassen hast. Ich bin den Spuren gefolgt und habe dich gefunden. Du hast gefroren und sahst hungrig aus. Also habe ich Feuer gemacht und bin jagen gegangen. Nimm dir zu essen, es ist genug da.“ Dann ganz beiläufig, als wäre es keine wichtige Sache. „Wie kommt es, dass eine schwangere Elfe ohne Schutz und Nahrung in dieser Gegend herumstreift? Wo ist dein Stamm und was führt dich hierher?“ Sitar setzte sich wieder bequemer hin und betrachtet das Gesicht eingehend. Wieder beschlich ihn das Gefühl, sie zu kennen.

Leicht errötete sie ... sah man es schon so deutlich, dass sie ein Kind erwartete? Sie wusste nicht recht, was sie von dem großen Elf mit den wachen, blauen Augen halten sollte. Irgendetwas an ihm irritierte sie. Sie zögerte kurz, steckte schließlich den Dolch weg, jedoch ohne dem Fremden näher zu kommen. Sie setzte sich, noch immer ein wenig angespannt auf den Baumstamm, neben dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatte. Zögernd betrachtete sie das Fleisch ... dann siegte Hunger über Verstand. Sie griff sich ein Stück und biss hungrig hinein. Es war, als würde man einen Staudamm durchbrechen ... Bissen für Bissen verschlang sie das köstliche Fleisch, gar nicht mehr fähig, auf Anstand oder Höflichkeit zu achten ... oder ihren Stolz. Eine ganze Weile blieb es also still, während sie selbstvergessen aß.

Schließlich wischte sie sich mit der Hand über den Mund, prüfend flog ihr Blick wieder zu Sitar. So ganz verstand sie nicht, warum er das alles für sie tat. Er kannte sie doch überhaupt nicht! Immer noch zögerte sie, ehe sie ihm Antwort gab. Was konnte sie ihm sagen, ohne zuviel zu verraten? Sie kannte ihn nicht, und doch ... „Einige Tagesmärsche von hier, wo Wald und Grasland sich berühren, von dort bin ich gekommen. Mein ... Stamm lebt in den Wäldern jenseits des Graslandes. Ich habe ihn verlassen.“ sie schluckte „Alles, was mich mit ihnen verbunden hat, gibt es nicht mehr ... also bin ich gegangen.“ Nur ein Flüstern, kaum mehr, es war ihr nicht einmal bewusst, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte. Wäre sie bei klarem Verstand und gesund gewesen, hätte sie sich niemals zu solchen Worten hinreißen lassen. Aber immer wieder erschien ihr alles um sie herum wie in einen leichten Nebel gehüllt ... und ihre Kopf schmerzte. Es war schwierig, sich zu konzentrieren. Unwillkürlich strich ihre Hand über den kaum sichtbar gewölbten Bauch.

Eingehend musterte sie Sitar. „Jetzt bin ich auf der Suche ... nach etwas aus meiner Vergangenheit.“ murmelte sie, bereute die Worte gleich wieder und räusperte sich, um nicht husten zu müssen. „Nicht so wichtig. Und woher kommst du?“ Die junge Elfe zog die Beine an, umschlang sie mit den Armen und stützte ihr Kinn auf die Knie, blieb aber, soweit es ging, wachsam.

Sitar betrachtete die magere Elfe in ihren zerschlissenen Kleidern ruhig und gelassen. „Die Grasebenen kenne ich. Ich habe sie aber nie überquert. So ... dort leben also auch Elfen. Das ist ein schwerer und langer Weg für eine Elfe, die einen Welpen trägt.“ Sitar lächelte. „Du hast deinen Stamm verlassen und bist ganz allein unterwegs ... da fühlt man sich sicher einsam. Jedenfalls würde ich mich einsam fühlen.“ Sitar reckte sich und schnallte seine Schwerter ab, die er neben sich griffbereit auf den Boden legte. „Du sagst, du würdest etwas aus deiner Vergangenheit suchen? Und was ist das? Entschuldige meine Neugier, aber so bin ich nun mal.“ Sitar grinste breit und sein Gesicht nahm einen jugendlichen und vertrauensvollen Zug an. Seine freundliche Art und seine Fähigkeit anderen zuzuhören, hatte schon manchen Elfen dazu gebracht, ihm sein Herz auszuschütten „Also, ich bin zum Glück nicht alleine ... mein Stamm lebt etwa in dieser Richtung.“ Sitar wies den Fluss hinab „Meine Familie ist recht groß. Ich habe noch zwei Schwestern. Und eine Gefährtin, ihr Name ist Windfall. Wie du, erwartet sie ein Kind.“ Sitar lächelte liebevoll bei dem Gedanken an seine Windfall, kramte in seiner Umhängetasche und zog einen Beutel mit Traumbeeren hervor. Er steckte sich eine Beere in den Mund und warf Icefire den Beutel zu. „Kennst Du das? Es sind Traumbeeren. Schmecken hervorragend ... aber Vorsicht ... zuviel ist nicht sehr gut.“
Kurz überlegte er ... Keishan schien ihm in Ordnung zu sein. Er konnte keine Hinterlist oder Bösartigkeit in ihren Augen erkennen, nur Einsamkeit, Wachsamkeit ... und Trauer. Sie schien außerdem krank zu sein. Er wollte sie nicht gern hier allein zurück lassen und nahm sich vor, die zierliche Elfe unter seine Fittiche zu nehmen. Das ging natürlich nur, wenn sie ihn zu seinem Stamm begleiten würde. Und das wiederum konnte sie nur mit der Erlaubnis von Nimoë. Ein geschlossenes Senden zu seiner Anführerin würde das schnell klären.

**Nimoë! Ich bin auf meinem Streifzug auf eine junge Elfe gestoßen. Nördlich des Lagers, knapp an der Grenze der Schneewälder. Sie ist alleine und von ihrem Stamm getrennt. Sie trägt einen Welpen und ich glaube sie könnte einen sicheren Platz zum Schlafen und ein wenig Zuwendung gut gebrauchen. Habe ich deine Erlaubnis, sie in unseren Hain zu bringen?** Die Antwort der Anführerin ließ nicht lange auf sich warten. Durch die Entfernung ein wenig schwach, aber klar genug, um alles zu verstehen, drang ihr Senden zu Sitar. **Ich verlasse mich auf dein Urteil Sitar. Wenn Du sie für ungefährlich hältst, dann kannst Du sie mitbringen. Pass aber auf. Manch harmloser Eindruck kann täuschen.** Sitar nickte kaum merklich für sich selbst. Nie würde er den Stamm in Gefahr bringen **Natürlich Nimoë ... es ist nur ... ich weiß auch nicht ... egal, ich mache mich mit ihr auf den Rückweg. Vielleicht könntest Du uns jemanden entgegenschicken? Sie ist zu Fuß unterwegs und ich weiß nicht, ob ich sie überreden kann, mit mir zu fliegen.**

Die Elfe, die von dem geschlossenen Senden nichts mitbekam, nickte nachdenklich, während sie Sitars Lächeln beobachtet „Erkennen ... kann also auch schön sein.“ Wieder nickte sie, flüsterte „Das ist gut ...“ und schien den Elf ihr gegenüber für einen kurzen Augenblick vergessen zu haben.

Sitar richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die vor ihm sitzende Keishan, runzelte die Stirn. *Das hört sich traurig an.*

Sie erwiderte nichts, manches blieb besser ungesagt, schon gar vor einem Fremden. Ihr Blick fiel auf den Beutel in ihrer Hand und sie steckte eine Traumbeere in den Mund. Ihre Augen leuchteten plötzlich auf, als sie lächelte „Sie schmecken gut, deine ... Traumbeeren.“ Sie stand auf, zögerte kurz, ging dann auf Sitar zu und reichte ihm den Beutel. Auch wenn der letzte Rest von Misstrauen noch nicht verschwunden war, Angst hatte sie keine mehr. „Ich habe dir auch noch nicht für das Feuer und das Fleisch gedankt ...“ Sie sah ihm in die Augen *Danke.* Schließlich hob sie ihren Bogen auf und betrachtete die Zierbänder, die Blade vor so langer Zeit liebevoll daran angebracht hatte. Vor so langer Zeit ...

Sitar lächelte ihr entgegen und nahm den Beutel. „Gern geschehen, Keishan ... Setz Dich doch zu mir und erzähl mir noch ein bisschen von dir. Wo willst du eigentlich hin? Hast du ein Ziel?“ Er steckte sich eine Beere in den Mund.

‚Keishan ...’ Unbehaglich rieb sie sich über die Oberarme. Er war so nett ... vielleicht sollte sie ehrlicher zu ihm sein. Obwohl sie ihn ja eigentlich nicht belogen hatte. Sie hatte nur nicht alles erzählt. Aber es war dumm und kindisch, ihm nicht ihren Namen zu nennen. „Ich weiß nicht, was ich dir erzählen soll. Das ich meinen Stamm verlassen habe, weißt du bereits und wohin ich gehe ...“ Sie zuckte leicht mit den Schultern „Ich weiß es nicht so genau. Ich gehe, wohin die Sterne mich führen, ein Ziel habe ich eigentlich nicht.“ Icefire sah hinauf in den Himmel „Nur zurück kann ich nicht mehr, aber das ist vielleicht gut so. Der Stamm bei dem ich lebte ... ihr Weg und der meine ist nicht derselbe. Das war er von Anfang an nicht. Vielleicht habe ich deshalb nie richtig zu ihnen gehört.“

Die junge Elfe setzte sich mit überkreuzten Beinen neben Sitar auf den Boden „Die Heimat meines Stamm ist ein Berg jenseits der Grasebenen ... sie nennen ihn Nimrohen. Ich habe mich immer ein wenig gefangen gefühlt hinter den Felsmauern ... selbst wenn ich hoch oben am höchsten Gipfel des Bergplateaus in den Bäumen saß ... und meine Träume schienen mir immer zu erzählen, dass da draußen noch etwas anderes ist ... etwas das ich suchen und ... finden muss. Ich habe nie wirklich da hin gehört. Auch wenn ich ihnen viel verdanke. Sie haben mich aufgenommen, als ich Hilfe brauchte. Aber jetzt muss ich wissen, woher ich wirklich komme.“ Wieder wurde die Elfe von einem trockenen Husten gepackt, unterdrückte ihn so gut es ging. Die graublauen Augen schimmerten glasig, die Wangen waren ein wenig gerötet ... aber es war keine gesunde Röte.

Ihre Stimme war traurig und heiser als sie fortfuhr „Vielleicht wäre ich nie gegangen ... aber als mein Gefährte Blade starb, da ertrug ich es nicht länger, bei ihnen zu bleiben ...“ sie brach ab, umschlang mit den Armen ihren Körper und saß ein Weilchen still da. Sie wollte jetzt nicht von Roonen sprechen. Und auch nicht davon, dass er - der Vater ihres Kindes -, er der ihrer Seele - wenn auch sicher nicht ihrem Herzen - am nächsten stand, vielleicht der Mörder ihres Gefährten war. Sie hatte Roonens Nähe nicht mehr ertragen und ohne Blade konnte sie nichts mehr daran hindern, den Berg zu verlassen. Als sie Sitar anblickte, lächelte sie schwach „Jetzt bin ich hier, auch wenn ich nicht genau weiß, was ich hier eigentlich will. Aber es ist ... ein Anfang.“

Sitar betrachtete die Elfe nachdenklich und besorgt. Ihr körperlicher Zustand machte ihm Sorgen ... aber da war auch diese Traurigkeit, die von ihr ausging „Du hast also deinen Gefährten verloren.“ Er lächelte mitfühlend und streckte vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, seine Hand nach ihr aus. Sacht strich er ihr einige Haare aus dem Gesicht und streichelte anschließend mit dem Handrücken über ihre Wange. „Du musst nicht länger allein sein, wenn du das nicht möchtest. Du kannst mit mir zu meinem Stamm kommen. Sie werden dich aufnehmen.“ Er ging neben ihr in die Hocke und legte ihre beide Hände auf die schmalen Schultern. *Ich glaube du bist krank, Keishan. Du solltest mit mir kommen. Meine Schwester Himmelsstern könnte dir helfen. Sie ist Heilerin ... Und meine Windfall wird dir gefallen, da bin ich sicher. Du hättest schnell neue Freunde und dein Welpe würde im Schutz des Stammes zusammen mit meinem Welpen aufwachsen. Was hältst du davon?*

Überrascht und unsicher ließ die junge Elfe es geschehen, als Sitar ihr nahe kam, versteifte sich jedoch unwillkürlich. Sie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte und doch ... war ihr der schwarzhaarige Elf mit den freundlichen blauen Augen vertraut. Aber sie fühlte sich wirklich nicht gut ...

Sitar spürte, wie sie sich versteifte und lies sie sofort los. 'Was ist nur in mich gefahren. So vertraut mit einer Fremden. Es ist einfach eigenartig ... ich .. kenne sie.’ Im selben Augenblick, als ihm der Gedanke gekommen war, schien es ihm plötzlich ganz logisch. Er kannte sie. Aber wie konnte das sein?

Sitars Berührung war ihr nicht unangenehm, trotzdem fühlte sie sich sehr erleichtert, als er sie wieder los lies. Die widerstreitenden Gefühle verwirrten sie und unbewusst nahm sie ein wenig Abstand. Innerlich und äusserlich. Sie trat einen Schritt von Sitar zurück. „Dein Angebot ehrt mich, Sitar, aber ich weiß nicht ...“ abwehrend schüttelte sie den Kopf, sah an ihm vorbei „Ich kann nicht. Warum ... bittest du mich, mit zu deinem Stamm zu kommen, du kennst mich nicht, weißt nichts von mir ... ich könnte eine Lügnerin sein, oder schlimmer.“ Sie sah die Überraschung, die sich auf seinen Zügen widerspiegelte, die leichte Bestürzung und bereute ihre harten Worte beinahe.

Sitar stutzte kurz über den plötzlichen Ausbruch der jungen Elfe, dann schüttelte er den Kopf. „Es tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Es liegt nur daran ... nun, du scheinst mich an jemanden zu erinnern.“ Sekundenlang schwieg er. „Auch wenn du nicht mit zu meinem Stamm kommen möchtest. Dies ist unser Gebiet. Du wirst ohnehin nicht umhinkommen, mit uns in Kontakt zu treten, wenn du hier bleiben oder es nur einfach durchqueren möchtest. Außerdem lasse ich ganz gewiss nicht eine kranke Elfe, die noch dazu einen Welpen trägt, alleine im Wald zurück. Windfall würde mir das Fell über die Ohren ziehen!“ Ehe sie dazu kam, etwas zu erwidern, runzelte Sitar die Stirn *Und warum sollte ich dich für eine Lügnerin halten? Habe ich Grund dazu?* abwartend sah er sie an.

Stumm starrte Icefire den Elf eine Sekunde lang an, dann schüttelte sie den schmerzenden Kopf und wurde rot. *Nein, es ist nur ... Keishan ist der Name der Traumdeuterin meines Stammes. Und das bin ich jetzt nicht mehr. Ich war es, doch jetzt bin ich nur noch ... mein Name ist Icefire. Ich wollte ihn dir nicht verraten, das war kindisch. Es tut mir leid.* In einer hilflosen Geste hob die junge Elfe entschuldigend die Hand. Sie merkte selbst, dass sie wirres Zeug zu reden schien. Klar ... ihr Kopf musste wieder klar werden.

Sitar war bei dem Namen unruhig geworden. Icefire ... verwirrt strubbelte er sich durch die schwarzen Haare, und versuchte zu verstehen, was er da eben gehört hatte ... also hatte er recht! Icefire ... wie war das möglich. Es war so lange her. ‚Trotzdem macht es auf eine verrückte Art und Weise Sinn ... kann es wirklich sein?' Sie hatte sich verändert ... das Gesicht nicht mehr kindlich rund, der Körper mager, das Haar kürzer, die Augen ernst und traurig. Aber waren es nicht trotzdem immer noch dieselben Augen? ‚Shan, alter Freund ... habe ich wirklich deine Tochter gefunden?’

Icefire setzte sich ein Stück weit entfernt von Sitar wieder auf den umgestürzten Baumstamm. Ihr war schwindelig ... sie musste sich setzen, nur für einen Augenblick. Nervös kneteten ihre Finger die roten Zierbänder ihres Bogens, als sie fortfuhr. „Ich werde dich ein Stück deines Wegs begleiten, wenn du das jetzt noch möchtest, aber ich will die Hilfe deines Stammes nicht ... ich muss ...“ Icefire hob den Blick, bemerkte Sitars eindringlichen Blick „Was ist?“ unsicher musterte sie ihn.

„Dein Name ist ... Icefire?“ leise klang es. So leicht ließ sich der Zweifel nicht abschütteln. Vielleicht spielte ihm hier der Zufall einen verrückten Streich. In Sitars Augen zeigte sich Misstrauen, Hoffnung und auch einige andere Gefühle, die Icefire nicht verstand. Wenn er recht hatte, wieso kannte sie nicht die Sternjäger, wieso kannte sie nicht diese Wälder. Offensichtlich erinnerte sie sich an nichts. Er betrachtete die Elfe jetzt noch eingehender, fixierte sie mit seinen blauen Augen, kramte alte Erinnerungen aus seinem Gedächtnis hervor und verglich diese mit Icefire. Die Gemeinsamkeiten waren nicht von der Hand zu weisen, auch wenn es vieles gab, was nicht überein stimmte. Aber nach all dieser Zeit wäre das kein Wunder ... Erstaunen zeigte sich auf Sitars Gesicht, als er ungläubig flüsterte: „Bei allen Hohen ... ich glaube wirklich, ich kenne dich. Du musst es sein.“

„Was? ...“ Icefire saß starr, wie ein von der Schlange hypnotisiertes Kaninchen. Sitars seltsames Verhalten machte ihr Angst. Das alles war zuviel. Sie fühlte sich schwach und hitzig. Gedanken flogen wirr durch ihren Kopf ... was sollte das alles ... mischten sich urplötzlich mit den Erinnerungen an die seltsamen Träume, die sie anfangs gehabt hatte, als Blade sie aus dem Lager der Fünffinger befreit hatte. Träume von Gesichtern, von Orten, die ihr fremd und doch seltsam vertraut waren. Der Elf der ihr dort gegenüber saß, war sein Gesicht nicht auch in einem dieser Träume gewesen? Aber wie konnte er ... Langsam schüttelte sie den Kopf, ihre Stimme war kaum hörbar, doch sie wagte nicht zu senden „Ich verstehe dich nicht, du redest wirr ...“ Icefires Hände zitterten, umklammerten den Bogen.

**Frostbite? Du und egal, wer noch bei dir ist ... beeilt euch herzukommen. Ihr werdet hier dringend gebraucht!! Entweder bin ich verrückt geworden ... oder ich habe eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Ich kann Euch nicht sagen, worum es geht. Seht selbst. Ihr sollt unbeeinflusst sein, wenn ihr hier ankommt.**

Icefire fühlte sich unbehaglich. Und mehr als alles andere hatte sie Angst. Angst davor jetzt plötzlich auf das gestoßen zu sein, wonach sie insgeheim gesucht hatte. Er kannte sie? Er kannte sie! Lange Zeit hatte sie nichts gehabt außer ihrem Namen. Er war alles gewesen, was von ihrer Vergangenheit geblieben war, alles ... und nun? War Sitar ein Teil ... ihrer Vergangenheit? Oder hatte sie falsch verstanden, spielten ihre Sinne ihr einen Streich. Sie konnte und wollte ihrem Gefühl nicht trauen, die Enttäuschung wäre zu groß. Einen Moment lang quälte sie wieder ein Hustenanfall, der in ihrem Kopf dröhnte, sekundenlang alle Gedanken verscheuchte. Aber dann ... ‚Und wenn es wahr wäre?’ fragte sie sich unwillkürlich. Aber was erwartete sie dann? Würde sie mit Freude empfangen werden? Vielleicht wollten sie sie gar nicht, hatten sie nie gewollt. Ihr Kopf war voller Fragen, doch sie fürchtete sich davor, plötzlich wirklich eine Antwort zu erhalten.

Vielleicht war sie für diese Elfen ebenso seltsam und verachtenswert wie für Roonen. Er war der einzige gewesen, der gewusst hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmte ... Als sie einander erkannt hatten, hatte er es gefühlt ... ihr wahres Wesen. Und Icefire hatte das Entsetzen in seinen Augen gelesen, hatte seine Abscheu zu spüren bekommen, als sie am Verletzlichsten war. Er hatte sie wissen lassen, dass sie mehr Tier als Elf sei, eine Laune der Natur, wider die Natur ... nein, sie hatte ihm nicht glauben wollen und doch wusste etwas in ihr sofort, dass er die Wahrheit sagte. Nicht einmal Blade hatte sie sich anvertraut. Sie hatte es nicht gewagt nach Roonens Reaktion. Nein, sie hätte es nicht ertragen, wenn auch Blade sie verachtet hätte. Aber vielleicht waren Sitar und sein Stamm genauso wie sie?

Icefire, Frostbite, Windwhisper & Aphrasiel (ehem. Spielerin von Sitar) (c) 01.2005

Rückkehr (3)

zurück zur Übersicht