Windfall & Sitar

Sitar hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und stapfte missmutig durch den Regen. Er zog das Fell, dass er sich als Schutz für seine Schwerter über den Rücken geworfen hatte, enger um seinen Körper und wischte sich leise fluchend das Wasser aus dem Gesicht.

Sitar blinzelte durch den Regen in den Himmel hinauf. Der kleine Schauer hatte sich zu einem  handfesten Gewitter entpuppt und die vor kurzem aufgekommenen Windböen zerrten immer stärker an ihm. Leicht besorgt beobachtete er, wie die Wolken sich immer mehr zusammenzogen und von dem Wind weitergetrieben wurden.

'Es wird einen Sturm geben' dachte Sitar, 'wird wohl besser sein, wenn ich so schnell wie möglich zurück zum Hain gehe.'

Innerlich verfluchte sich Sitar, dass er seinen Wolfsfreund Lightning nicht wie üblich auf seine Erkundungstour mitgenommen hatte. Mit seiner Hilfe wäre er schneller vorangekommen. Von seiner Gabe, dem Schweben, wollte er keinen Gebrauch machen. Die Bäume standen zu dicht beieinander und der Regen nahm ihm die Sicht. Er hatte keine Lust gegen einen Baum zu prallen. Himmelsstern würde sich sonst tot lachen, bevor sie ihn heilen konnte. Sitar musste bei dem Gedanken grinsen.

Weiter nach oben konnte er allerdings auch nicht ausweichen, der Gefahr von einem Blitz getroffen zu werden, wollte er sich nicht aussetzen. Seufzend beschleunigte er seine Schritte, um noch rechtzeitig vor dem Sturm im Hain zu sein.

Nach einiger Zeit fing der Wald an sich zu lichten und Sitar überlegte schon ob er es riskieren könnte zu fliegen, als ein Lichtreflex seine Aufmerksamkeit auf einen nahegelegenen Baum lenkte. Kurz hatte er dort etwas aufblinken sehen, als ein besonders großer und heller Blitz vom Himmel zuckte.

Vorsichtig ging Sitar näher um sich die Sache genauer zu betrachten. Er wollte sicher gehen, dass dem Stamm keine Gefahr drohte. Seine Überraschung war groß, als er eine schlanke, schwarzhaarige Elfe hoch oben in dem Baum sitzen sah. Ihr silberner Schmuck hatte das Licht des Blitzes reflektiert. Sitar war noch ungefähr 3 Bäume entfernt, als er sie erkannte. Es war Windfall.  

Verständnislos schüttelte er den Kopf. 'Diese verrückte Elfe' dachte Sitar 'bei diesem Wetter so hoch oben in dem Baum. Ein Blitz könnte sie treffen oder sie könnte von einer Windböe erfasst werden. So ein Leichtsinn.'

Sitar näherte sich schneller dem Baum um dem Ganzen ein Ende zu bereiten und die jüngere Elfe herunter zu holen. Er wollte nicht einfach hochschweben und vor ihr auftauchen, da er nicht riskieren wollte, dass sie vor Schreck herunterfällt.

Während Sitar sich unbemerkt näherte, saß Windfall hoch oben im Baum und genoss die Naturgewalten.  

Windfall liebte solches Wetter. Wie faszinierend doch diese Gewalt der Natur war. Sie saß auf einem unsicheren dünnen Ast und genoss den Regen, der ihr in strömen über das Gesicht und Körper strömte. Ihre schwarzen langen Haare und ihre dunkelgrüne Kleidung klebte an ihrem Körper. Ihr blaugrünen Augen glitzerten vergnügt. Sie schaute in die Weite und träumte vor sich hin. Irgendwo unten im Wald streunte ihr brauner, mit Narben übersäter Wolf herum, der sich fragte weshalb seine Reiterin in so einem schrecklichen Wetter auf Bäume kletterte.

Ein Wind kam auf und ließ den dünnen Ast unter ihr schwanken. Sie schwankte ziemlich geübt mit.

Doch dann kam plötzlich eine ziemlich heftige Windböe auf. Sie kam aus dem Gleichgewicht und fiel. Im letzten Moment hielt sie sich noch an einem dünnen Ast fest und verfluchte diese elende Windböe.

Mit einem lauten Krachen zog sich ein heller Blitz über den ganzen Himmel , beleuchtete den Hain und schlug in einen Baum ein der in der Nähe des Hains stand.

Windfall zuckte zusammen und wäre beinahe abgestürzt. Sie beruhigte sich und konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Situation. Sie versuchte sich wieder hochzuziehen doch der Ast an dem sie hing war viel zu schwach für ihr Gewicht.

Sie fragte sich wie heil sie unten ankommen würde.

Sie hielt sich mit ganzer Kraft an dem Ast und biss sich auf die Lippen um nicht zu schreien.

'Was bin ich auch für ein Narr. Ich kann es nicht lassen mich in gefährliche Situationen zu bringen' dachte sie als sie sich verbissen am Ast entlang hangelte.

Sie schloss die Augen, eine Träne rann ihr über die Wange. Ihre Arme brannten und sie spürte ihre Hände nicht mehr. Ihr Haare verfingen sich in den Ästen und Blätter.

Langsam rutschten ihre Hände von dem glitschigen Ast ab.

Sitar beobachtete mit angehaltenem Atem, wie die Elfe von dem Windstoss erfasst und vom Ast geweht wurde. Erleichtert sah er, wie sie sich an dem Ast festhalten konnte, erschrak aber zutiefst, als sie doch noch endgültig abrutschte.

Mit einem wilden Satz katapultierte sich Sitar in die Höhe, besorgt darum, Windfall nicht mehr rechtzeitig erreichen zu können. Wie ein Pfeil schoss er auf die dunkelhaarige Gestalt zu, die in die Tiefe stürzte.

Sie dachte an nichts mehr als sie stürzte, nicht einmal ein Schrei kam ihr über die Lippen. Sie war überzeugt das sie jetzt wohl sterben würde, nur wegen ihrer närrischen Liebe zum Unwetter.

Kurz vor dem Boden fing er Windfall auf und riss sie mit sich in die Höhe. Er hörte ihr erschrockenes Keuchen, als er so urplötzlich auftauchte und sie ergriff.

Dann klammerte sie sich an ihn und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Sie zitterte fest und war unfähig irgendwas zu sagen. Sie konnte es nicht glauben, dass sie gerettet wurde.

"Närrin!" knurrte er Windfall an. "Bist Du wahnsinnig geworden, bei so einem Wetter in einem Baum herumzuturnen? Du hättest tot sein können."

Er hatte recht. Sie wollte und konnte nichts darauf erwidern. Sie wollte nur noch in seinen Armen liegen und sich in Sicherheit fühlen.

Sitar umfasste Windfalls Taille und schob sie in eine bequemere Haltung, während sie weiterhin in der Luft schwebten. Er hatte zuviel Schwung bei seiner Rettungsaktion gehabt und war zu weit nach oben geflogen. Langsam ließ er sich mit seiner kostbaren Last nach unten gleiten.

Als Windfall immer noch nichts sagte, musterte er sie besorgt. *Ist alles in Ordnung mit Dir?* Er umfasste sie mit der rechten Hand fester und hob ihr Kinn mit seiner linken Hand an.

Blaugrüne Augen trafen die Seinen und tief in seinem Inneren hörte er einen Namen wie ein Echo immer wieder erklingen. Erstaunt riss er die Augen weiter auf und starrte Windfall ins Gesicht.

**Saar?**

Windfall keuchte auf und starrte in seine tiefen blauen Augen. Sie hatte den ganzen Vorfall vergessen. Vergessen das sie beinahe umgekommen wäre, vergessen wie närrisch sie war.

**Ren?**

Sitar war verwirrt. Das Erkennen zog ihn in seinen Bann und wie unter Zwang sank er mit Windfall auf den Boden zurück. Das Unwetter und die Strafpredigt war vergessen. Jetzt zählte nur noch der Augenblick.

Klatschnass sanken die Beiden zu Boden und halfen sich gegenseitig aus der nassen Kleidung, die wie eine zweite Haut an ihren Körpern klebte. Sitar sah Windfall tief in die Augen und küsste sie. Der anfänglich schüchterne Kuss wurde leidenschaftlicher und eng aneinander geschmiegt folgten sie dem Ruf des Erkennens.

Windfall & Sitar (c)

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